Griechisches Roulette

19 april 2015 | Overig – Wenn Griechenland aus dem Euro austritt, wird die Rechnung geteilt und es wird deutlich, wie sehr wir uns ins eigene Bein geschossen haben.

In der einen Woche anbändeln mit dem russischen Präsidenten Putin, in der nächsten durchsickern lassen, dass ein Teil der Schulden schon mal definitiv nicht zurückgezahlt wird. Die Griechen sind verzweifelt, aber nicht dumm. Wenn sie aus der Eurozone austreten, dann wird die Rechnung geteilt. Damit wird dann auch gleich deutlich, wie sehr wir uns ins eigene Bein geschossen haben.

Ich habe bereits einmal erwähnt, dass ein Tilgen der Schulden auf lange Sicht nicht nur den Griechen etwas bringt. Auch wir könnten von der allmählichen kulturellen Transformation profitieren, der sich die Griechen im Tausch für eine Schuldentilgung unterziehen müssten. So bliebe der interne Markt unbeschadet und brächte eine Liberalisierung Möglichkeiten für deutsche Unternehmen.

Zwei Monate später jedoch wird die Krise auf die Spitze getrieben. Die Griechen wollen faktisch eine sozialere Politik, bei der alte Sünden vergeben werden. Der Rest von Europa will aus politischer Notwendigkeit oder Ideologie, dass die Schuldner irgendwie für ihr rücksichtsloses Verhalten büßen. Die Idee ist, dass jemand, dem man ein Mal vergibt, dies ewig ausnutzen wird. In unserer neoliberalen Welt kann es so etwas natürlich nicht geben.

Das soll jedoch nicht heißen, dass „wir“ alles richtig und „sie“ alles falsch gemacht haben. Beide werden sich wohl darüber einig sein, dass das Fälschen von Wirtschaftsstatistiken nicht die feine Art ist. Aber wussten Sie, dass die Schulden, die von uns übernommen wurden, zum Teil aus Krediten bestehen, die nordeuropäische Banken griechischen Kunden gewährt haben? Diese Schulden sind über Banken und die griechische Regierung bei den europäischen Ländern und dem IWF gelandet.

Wir könnten also auch behaupten, dass wir mit Regierungsanleihen eine Reihe europäischer Banken gerettet haben und dafür die Griechen aufkommen lassen. Unser eigenes unentschlossenes Auftreten hat zur heutigen Katastrophe mit beigetragen. Hier lässt sich also auch nicht mit dem Finger auf einen Einzelnen zeigen. Das ist dann auch das Problem mit jenen, die den Euro jetzt einfach mal abschaffen wollen. Die Welt wächst wirtschaftlich jedes Jahr mehr zusammen. Man kann nicht nach 15 Jahren ein Element wegnehmen und dann denken, der Rest funktioniere weiter wie ehedem.

Wenn Griechenland die Eurozone verlassen muss, dann ist sicher, dass ein Teil der Anleihen nicht mehr zurückgezahlt wird. Denn immerhin wird die wiedereingeführte Drachme unmittelbar an Wert verlieren und die ausländischen Schulden in lokaler Währung gänzlich unbezahlbar machen. Die Frage ist dann, welches Land der nächste Euro-Austrittskandidat sein wird, und wie viele Schulden wir dort noch – privat oder öffentlich – offen stehen haben. Außerdem können Rachegefühle zu Protektionismus führen, wodurch Unternehmen entgegengewirkt und der europäische Markt zersplittert wird.

Die Russen werden auf der anderen Seite die Griechen nur allzu gern in der Tasche haben wollen und unterstützen. Griechenland wird dafür Gegenleistungen in Europa und im NATO-Verband erbringen müssen, indem es sich querstellt. Die Amerikaner werden ihrerseits vor allem den Deutschen die kalte Schulter zeigen. Inzwischen sind die Chinesen auf bestem Wege, eine Großmacht zu werden, während Europa dabei ist, sich selbst zu dezimieren.

Gewählt wird also zwischen zwei Übeln: den Griechen ein bisschen bei ihrem Modernisierungskampf helfen oder Alles-oder-Nichts spielen für ein paar Milliarden und die Überzeugung, dass Sünder um jeden Preis ihren gerechten Lohn bekommen müssen.

Übersetzt von Nadine Gruschwitz. Dieser Artikel wurde zuvor unter dem niederländischen Titel Griekse roulette veröffentlicht.